Bei
der Erweiterung und Pflege bestehender IT-Produkte kommt man irgendwann
an den Punkt, an dem nur noch festgestellt werden kann, daß Abriss und
Neubau einfacher und günstiger sind als das Doktorn an etwas, daß viel
zu groß geworden, vielfach redundant, in Teilen irrelevant, kaputt und
korrupt ist. Leider ist das bei vielen gewachsenen Systemen so und bei
den meisten besteht dringender Handlungsbedarf. Zum Beispiel beim
Fernsehen.
Wenn man ein neues gutes Fernsehen schaffen wollte, bedeutete dies
also, das alte abzuschaffen. Hier mein Vorschlag für einen neuen
Rundfunkstaatsvertrag, als dessen Grundlage mir der für den
NDR definierte Programmauftrag dient, den ich als Leitziel voranstelle:
Neuer Rundfunkstaatsvertrag
[...] einen objektiven und umfassenden Überblick über
das internationale, europäische, nationale und länderbezogene Geschehen
in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben. Sein Programm hat der
Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Er hat
Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten und ist berechtigt, sich an
Filmförderungen zu beteiligen.
§1 Programm
Werbung, Gewinnspiele, Boulevard und Quoten sind verboten.
Die Sendezeit ist etwa nach dem Schlüssel 40:30:20:10 auf die
Bereiche Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung aufzuteilen.
(a) 40% Information
Nachrichten, Hintergrundberichte und die Berichterstattung vor Ort werden künftig den größten Teil ausmachen. Das
Korrespondenten- und Reporternetz wird weiter ausgebaut.
(b) 30% Bildung: Kultur und Natur
Fast acht Stunden am Tag Dokumentationen, Sendungen über Bücher, Filme, Theater, Kunst, Musik, Religion und Naturwissenschaften.
(d) 20% Beratung
Aus- und Weiterbildung, Gesundheit und Ernährung, Finanzen und vor allem Recht.
/
(d) 10% Unterhaltung
Lassen Sie diese Zahl auf sich wirken. Nur noch 2,4 Stunden Unterhaltung am Tag im
Neuen Fernsehen, da will wirklich gut überlegt sein, wieviel dieser kostbaren Zeit an Thomas Gottschalk verschwenden werden soll.
§2 Sender
Im Radio und Fernsehen wird es jeweis nur noch ein öffentlich-rechtliches überregionales Vollprogramm geben: Das
Neue Fernsehen (NF) und das
Neue Radio (NR).
(a) Neues Fernsehen
ZDF, 3sat, Phoenix, arte und Kika entfallen, da sie durch die Qualität des
NF
als Feigenblätter überflüssig geworden sind. Die digitalen Sender, über
die ich außer Rundfunkräte noch nie jemanden habe sprechen hören,
entfallen vorerst ebenfalls. Es wird aber bis zu 25 regionale
Fernsehsender geben, die dem gleichen Programmauftrag verpflichtet
sind, allerdings mindestens fünfzig Prozent der Sendezeit auf regionale
Themen verwenden müssen.
(b) Neues Radio
Alle
55(!) bisherigen Wellen entfallen. Neben dem
Neuen Radio wird es analog zu den Fernsehsendern bis zu 25 regionale Radiosender geben.
Wenn sich
NF und
NR bewährt haben, kann man darüber
nachdenken, auf den freigewordenen Frequenzen Spartensender
einzurichten oder Thementage mit dem vorhandenen Material zu
veranstalten. (Das Wort
veranstalten entfällt übrigens auch.)
(c) Internet
Sämtliche Sendungen sind live im Internet zu sehen und werden in
Mediatheken jedem jederzeit und für immer zugänglich gemacht.
Kompetente journalistische Sendungsbegleitung im Web ist nicht nur
selbstverständlich, sondern auch selbstverständlich ohne
Drei-Stufen-Test.
§3 Finanzierung
Das Budget ist ebenfalls nach dem Schlüssel 40:30:20:10 auf die
Bereiche Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung aufzuteilen.
Das Budget kommt aus der Staatskasse, beträgt großzügige 5 Mrd.
Euro und und wird jährlich an die Preisentwicklung angepaßt.
Bürokratische Monster wie die
Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten und ihre große Schwester, die beliebte
Gebühreneinzugszentrale, entfallen ersatzlos, weil überflüssig.
§4 Struktur
Alle öffentlich-rechtlichen Sender haben Zugriff auf das
Korrespondentennetz und sämtliche Sendungen der anderen Programme.
Regional- und Vollprogramme werden aber unabhängig voneinander
erstellt, d.h. die von der
Programmdirektion geleitete
Programmkonferenz mit haupt- und nebenamtlichen
Programmkoordinatoren und
Programmbeirat ebenso wie die über 600
Rundfunk- und Fernsehräte, sowie alle anderen proporzdemokratischen, pseudoföderalen Gremien können daher entfallen.
Stattdessen wird es in jedem der 299 Bundestagswahlkreise einen
Rundfunk-Abgeordneten geben, der vor Ort, in Weblogs und
Diskussionssendungen den Kontakt mit dem Zuschauer sucht. Diese Mittler
zwischen Zuschauer und Medium bestimmen die Programmstruktur im Rahmen
dieses Rundfunkstaatsvertrages.