Die Vorschläge der Hartz-Kommission passen mir überhaupt nicht, mal ganz abgesehen davon, daß mein Arbeitslosengeld DM 700 beträgt (jaja, hab meine Ansprüche halt durch einen Scheißjob erworben) und ich insofern mit Euro 750 besser bedient wäre. Dort entscheiden Männer über die mir zustehenden Zahlungen, die _allesamt_ überhaupt nicht beurteilen können, was es bedeutet, von so einem Sümmchen leben zu müssen, da sie selbiges bei einem Mittagessen locker auf der Rechnung mit ihrem guten Namen begleichen.
Die Hartz-Kommission glaubt, durch diese Maßnahmen die Arbeitslosigkeit halbieren zu können:
Flächendeckender Aufbau von Personal-Service-Agenturen mit Integration schwer vermittelbarer und Ausbau von Zeitarbeit
Das mag ja für Verkäufer und Erdbeerflücker gelten (es möge sich bitte niemand beleidigt fühlen, das ist heute überhaupt nicht meine Absicht), aber wie soll ich mich bitte alle paar Wochen irgendwo neu einarbeiten? In vielen (den meisten?) Jobs ist es doch nicht getan mit: Hier ist die Kasse, hinterm Tresen die Kunden und hinten das Lager.
Neue Beschäftigungsmodelle und Abbau von Schwarzarbeit
Alles retour. Vor drei Jahren, als ich diesen unterbezahlten Job hatte, der eben gerade meine Miete gedeckt hat, habe ich mir durch Nebenbeschäftigungen legaler Art das Essen verdient – bis die heutige Regierung beschloß, daß ich das nun auch noch sozialversichern und versteuern muß. Mir wären keine 7 DM die Stunde geblieben. Viele Jobs habe ich dann gar nicht mehr bekommen, weil ab sofort ein Gewerbeschein nötig war. Da galt es dann aufzupassen, daß man nicht auch noch scheinselbständig ist, falls man nur für einen Auftraggeber arbeitet. Selbstverständlich oblag es einem selbst, die damit verbundenen Formalitäten zu erledigen. Vielen, die in der gleichen Situation wie ich waren, blieb da wohl nur die Schwarzarbeit.
OK, das soll nun ein Ende haben. Ist ja sicher auch sehr motivationsfördernd für die Menschen, wenn sie nun von sich sagen können, sie hätten einen Billigjob. Und klar, die Putzfrau im privaten Haushalt erstellt nun auch noch die Bilanz für ihre neu gegründete Ich-AG. Ein Witz das alles.
Beschleunigung der Vermittlung und neue Definition von Zumutbarkeit
Wenn man den Arbeitslosen nur immer weniger Geld gibt, dann werden die sich schon kümmern. Anreiz nennt man das.
Es ist ein fataler Fehler zu glauben, man könne, indem man mir im nächsten Monat nur noch DM 500 bezahlt, einen Job herbeizaubern. Ich will ja arbeiten! Es gibt nur nichts. Dazu schreibt der Spiegel aus dem Hartz-Papier:
»Wer nicht bereit sei, für einen Arbeitsplatz umzuziehen oder nach einer bestimmten Frist einen Job bei einer Leiharbeitsfirma anzunehmen, müsse mit deutlichen Einschnitten rechnen.«Damit das klar ist: Ich sehe überhaupt keine Veranlassung umzuziehen für einen Job. Ein Umzug kostet Zeit und Geld, was diese Leute vielleicht nicht wissen, schließlich erledigen solch organisatorische Dinge deren Ehefrauen und die viele körperliche Arbeit ein damit beauftragtes Unternehmen. Was wiederum mit DM 700 nicht zu bewerkstelligen wäre.
Abgesehen davon bin ich nicht allein auf dieser Welt, und wenn ich einen Job annehme, C. seinen aber deswegen aufgeben muß, dann ist nicht viel gewonnen, oder? Weiterhin ist ein Job heute ja nun mal keine lebenslange Angelegenheit mehr (und das ist ja auch so gewollt – Flexibilität ist das Stichwort) und insofern kann es mir – noch dazu in meiner Branche – recht schnell passieren, daß ich wieder beim Amt vor der Tür stehe. Ja und dann? Umziehen ins nächste Kuhdorf? Ist das modernes Nomadentum? Ich halte das für absoluten Blödsinn. In welche Stadt auch immer das Arbeitsamt glaubt mich schicken zu können, ich bin sicher, auch dort gibt es Webentwickler mit zuviel Freizeit. Diese Art der Mobilität kann doch also nur sinnvoll sein bei sehr speziellen Berufen.
Jobcenter mit Rundumbetreuung und Abbau von "Verschiebebahnhöfen"
Eine Umbenennung des Arbeitsamtes in Job-Center löst wohl kaum die Pobleme. Was Rundumbetreuung sein soll, mag ich mir gar nicht vorstellen. Der tägliche Anruf meines sogenannten Beraters: "Hallo und Guten Morgen, heute schon beworben?" Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was das "neue" Arbeitsamt zu meinem Antrag auf Übergangsgeld sagen wird...
Soweit die Vorschläge der Hartz-Kommission, ich habe aber natürlich noch mehr zu meckern. Ein weiteres schönes Beispiel für Praxisferne ist nämlich die geplante Chipkarte:
» Mittels ihrer soll die Stellenvermittlung beschleunigt werden. Hartz sagte gegenüber der "Bild"-Zeitung, auf der Chipkarte sollen die persönlichen Versicherungsansprüche, die Qualifikationen und die Beschäftigungszeiten eines Erwerbslosen gespeichert werden. Der Datenschutz müsse berücksichtigt werden. "Damit weiß der Vermittler beim Arbeitsamt in Sekundenschnelle, wen er vor sich hat." Arbeitsminister Walter Riester (SPD) begrüßte am Freitag diesen Vorschlag. Er nannte die Chip-Idee einen "wichtigen und vernünftigen Vorschlag". Eine Chipkarte könne helfen, Zeit und Arbeitskraft in der Arbeitsverwaltung einzusparen, um sie nutzbringender bei der Vermittlung einzusetzen. «Bitte aufwachen aus dem Taumel der Begeisterung. Die Arbeitsämter sind bereits vernetzt, und wo sie es noch nicht flächendeckend sind, sollte das schnellstens geschehen. Die Eingabe des Namens oder einer Nummer hat den gleichen Effekt wie diese teure Karte. Auch bin ich bisher nicht davon ausgegangen, daß die Bundesanstalt ein Problem mit mangelndem Personal hat. Vielmehr mangelt es diesem an der nötigen Kompetenz zur Vermittlung. Aber dazu ein anderes mal mehr, _das_ sprengt hier wirklich den Rahmen.
Ich bin überzeugt davon, daß die vielen erwerbslosen IT-Fachkräfte schnell einen Weg finden werden, die Daten auf der Chipkarte zu ändern. Was geschieht eigentlich, wenn auf meiner Karte etwas anderes gespeichert ist, als in den Computern des Arbeitsamtes? Was ist, wenn ich nach einer gewissen Zeit der Erwerbstätigkeit wieder im Amt stehe und ohnehin alles neu berechnet werden muß? Monate später erhalte ich dann einen Bescheid, und dann muß ich schnell hin, um ein Kartenupdate durchzuführen, oder wie? Ich verstehe es nicht.
Laut reden nichts sagenNoch etwas, das ich nicht verstehe, ist, wieso das ganze noch immer Versicherung genannt wird. Ich bin ja gezwungen, diesen Vertrag mit der Bundesanstalt einzugehen – und zwar zu deren Bedingungen, die noch dazu jederzeit zu meinen Ungunsten geändert werden können! Schon merkwürdig das. Jaja, Solidargesellschaft. Schöner Gedanke. Aber eben nur ein Gedanke.
Bei all diesen Statistiken, Zahlen und hilflosen Versuchen der Rechnerei bleibt doch ein Faktum übrig: Es gibt nicht genug Jobs in diesem Land. Die geplanten Maßnahmen ändern daran nichts. Mein Eindruck ist, daß dieser Kern des Problems von Anfang an und bis jetzt nicht erfaßt wurde. Mangelnder Einsatz der 4 Mio. Menschen ist nicht das eigentliche Problem, denn es gibt eh nur 1.5 Mio freie Stellen. Sollen sich doch die anderen 2.5 Mio. Arbeitslosen einen faulen Lenz machen. Diese Gesellschaft, die Wirtschaft und auch die Politik dürfte sich daran nicht stören, denn _sie_ haben versagt. Nicht die Menschen, deren Arbeitskraft offenbar nicht gebraucht wird und die dafür nun bestraft werden.