Mein Blog, mein Haus, mein Viertel seit 2001.

2000 Hamburg 60

Mein Beitrag zu Buddenbohms Rest von Hamburg.

Ich muß noch was zu Winterhude-Nord sagen, das Sibylle in ihrem Beitrag über Winterhude so vernachlässigt hat. Und tatsächlich erschließt sich der Charme von 22299 Hamburg nicht sofort, wenn man nur einen Blick auf diesen seltsam häßlichen Winterhuder Marktplatz wirft.

Die ältesten Häuser im Norden Winterhudes sind die teilweise denkmalgeschützten Bleicherhäuser aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals wurde die Wäsche der Stadt hier gewaschen und auf den Leinpfadwiesen zum Trocknen und Bleichen ausgelegt. Erst nach der Eingemeindung des Dorfes begann der Geschoßwohnungsbau, Jugendstilhäuser mit langen Grundrissen in Form des Hamburger Knochens, die heute noch das Bild der Seitenstraßen prägen.


Größere Kartenansicht

Bei Google Maps kann man sehen, wie sehr der schon in den anderen Der Rest von Hamburg-Artikeln genannte Oberbaudirektor der 20er Jahre Schumacher nicht nur das Stadtbild, sondern auch das Wohnen verändert hat. Links unten die Schlitz-Bebauung aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, darüber Backsteinmonumente wie Burganlagen mit Durchgängen oder als geschlossene Straßenzüge, durch die Gemeinschaftsgärten für alle Anwohner entstanden sind.

Ich wohne in einem 1927 von Fritz Höger entworfenen Backsteinhaus. Die Wohnungen haben "reelle" Zimmer mit Dielenboden und hohen Decken, eine große Küche mit Speisekammer, Balkon und ein Vollbad mit Fenster. Also genau das, was noch heute per Zettel an allen Ampeln von denen gesucht wird, die die Hoffnung nicht vollständig aufgegeben haben.

Fritz Höger Bau
Zwischen Bäckern, Banken und Blumenläden gibt es nicht nur alles, was man braucht, sondern auch so völlig unnötige Versuchungen wie teure Boutiquen, ein Schuhgeschäft, inhabergeführte Buchhandlungen und Technik. Aber eben auch die Fußpflegerin in ihrer Souterrain-Praxis, die immer was aus dem Viertel zu erzählen weiß; den einzigen Schlachter in der Gegend, bei dem die Schlangen Samstags bis auf die Straße reichen, und Kneipen, die Bei Kosta heißen, in denen die Gespräche der dort festgewachsen scheinenden Gestalten am Tresen verstummen, wenn man kurz zum Geldwechseln reinkommt.

Das ältere Paar, das sich jeden Abend um halb sieben an der Ampel trifft, um einen Drink im Winterhuder Kaffeehaus zu nehmen, immer draußen, im Winter eingehüllt in Wolldecken.

Das Steakhaus Arizona mit den riesigen Pfeffermühlen und dem Chef Memo, der seine Gäste nie ohne noch einen Sambuca Caffé und immer nur hasta mañana verabschiedet. Eine alte Frau mit Kakadu auf der Schulter, die sich zur Fußball-WM in Schale wirft und vom Public-Viewing-Publikum im Arabella beklatschen läßt.

Das Bistro, das einfach nur Bistro heißt, und das jeder kennt, vielleicht weil es da so prominent an der Ecke liegt, vielleicht aber auch weil das Essen gut und günstig ist, obwohl die abends die Straße zuparkenden Luxusautos eher an einen überschätzten Yuppie-Schuppen denken lassen. Wahrscheinlich war er das auch mal bei der Eröffnung, doch jetzt – nach 28 Jahren – ist Schluß. Ich will nichts Häßliches über unseren gemeinsamen Vermieter sagen, aber eigentlich doch.

Als ich 1996 hierher zog, waren die gemischten Wohn- und Geschäftsstraßen abends still und ich wanderte durch Kopfsteinpflasteralleen, bewunderte Jugendstilfassaden und unentdeckte Hinterhöfe, deren Gewerbebauten inzwischen alle zu Loftwohnungen und Dachböden zu Penthouses umgebaut wurden. In die Geschäfte zogen Lokale und Leben nach 18 Uhr 30, kleine Häuser wurden abgerissen und durch Neubauprojekte namens Sky-Living ersetzt. Auf dem alten Raffay-Gelände zwischen Marktplatz, Alsterdorfer, Ohlsdorfer und Himmelstraße bauen Projektentwickler 200 Wohnungen, die noch vor der Fertigstellung verkauft sein werden, denn Lage ist alles – und wir liegen hier gut.

Im Park
Hamburg ist eine grüne Stadt und Winterhude das wahrscheinlich grünste Viertel mit dem Stadtpark als erweitertem Garten für jeden Einzelnen. Auf der großen Wiese vom Planetarium bis zum Stadtparksee wird gegrillt und Fußball gespielt, im Rosengarten findet sich immer ein gefühlt privates Plätzchen zum Lesen. Am Kinderplanschbecken haben meine Schwester und ich das regellose Tischtennisspiel erfunden, in der Stadtparkbühne an der Platanenallee hatte ich einige der schönsten Sommerabende im Regen, die Hamburg so Hamburg machen.

Vom Stadtparksee zieht sich ein Kanalgeflecht südlich durch das Viertel bis zur Alster. Nur ein paar Minuten vom Marktplatz entfernt verläuft der von Schumacher kanalisierte Alsterlauf, an dessen grünen Ufern es sich gut aushalten läßt bis auf der Eppendorfer Seite die Sonne untergeht. Tretboote weichen den Ruderern aus, die auf dieser geraden Strecke trainieren, angetrieben von den lauten Anfeuerungsrufen ihres Steuermanns. Man kann dösig den Leuten beim Baden zusehen oder das Wendemanöver der Saselbek beobachten, die vom Anleger Leinpfad in einer Stunde zum Jungfernstieg zwischen West- und Ostufer kreuzt.

Am Alsterlauf
Zwei der drei Hamburger U-Bahn-Linien bringen uns in zehn Minuten auf den Kiez oder in die Innenstadt. Die Busse fahren in alle Richtungen, es ist praktisch hier für alle Inhaber eines HVV-Abonnements – nur nicht so für Autofahrer, denn Parkplätze gibt es keine. Ein Garagenstellplatz kostet hier soviel wie in anderen Gegenden Deutschlands eine 1 1/2-Zimmer-Wohnung warm. Der Liebste, der seinen großen Wagen leider beruflich braucht, plant abends gut 20 Minuten Fußweg ein vom Südring durch den Stadtpark, vorbei an Fußballfeldern, Minigolfplätzen und dem Landhaus Walter. Man kann es wirklich schlechter haben.

Bei Wahlen schneiden hier drei Parteien etwa gleich ab. Und so ist auch die Mischung, zwischen Mittdreißigern mit Kinderwagen und Witwen mit Gehwagen. Meine Hood ist schön und lebenswert und daher teuer, aber nicht so richtig hip: Beim Einkaufen sehe ich regelmäßig Margret Homeyer, Volker Lechtenbrink, Heinz Strunk und Reinhold Beckmann.

6 feine Kommentare


kaltmamsell 1


Ha! In so einem Bleicherhaus war ich im Juni: Großartig. Und überhaupt die Gegend, da ist gut sein.

Sibylle 2


Du hast ja recht, ich bin da ja auch recht häufig, aber kenne mich nicht so gut aus wie Du ;) Und waa? Das Bistro macht ZU? Ich hab btw noch nicht so ganz verstanden was die Bleicherhäuser nun sind, mag an der Uhrzeit liegen ..

Sanníe 3


Guckst Du hier: click!

Johnny 4


Es schreibt wieder!

Hanswurst 5


@Johnny

+1 und so unverfänglich. ;-)

Alex 6


Und genauso ist unser geliebtes Winterhude! Danke für diese kleine Liebeserklärung!

Dein Kommentar

Name


Mail


Homepage


Text (aus http:// werden anklickbare Links)


Tipp bitte die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest in das nachstehende Feld, um zu beweisen, daß Du weder Hund noch Spambot bist.

Trackback-URL

http://www.elfengleich.de/trackback.php?id=782