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»RT @PatrickBeuth: Tausende Android-Apps übertragen eine pseudonyme Werbe-ID an Facebook. Aber mit der Pseudonymität ist es schnell vorbei,?«

Das Leben der Anderen

Seit knapp eineinhalb Jahren ist mein Vater Minister. Er verdient mehr als zu Abgeordnetenzeiten und hat einen Wagen mit Fahrer. Für meine Schwester und mich hat sich dadurch nichts geändert, außer daß wir die Treffen mit Vaddern seitdem – trotz der geringen räumlichen Entfernung – an weniger als zwei Händen abzählen können, und vor dem Kauf von Theaterkarten sein Vorzimmer um einem Termin in drei oder vier Monaten bitten.

Die Arbeitsbelastung ist geradezu unmenschlich und bedeutet den Verlust jeder Zeitsouveränität. Selbst zu einem spontanen Kurztreff Mädchen, ich hab 90 min. zwischen zwei Sitzungen, könnt Ihr da hinkommen? bringt jemand den großen Dokumentenkoffer, der auf dem Weg zum nächsten Termin durchgearbeitet werden will.

Ganz im Gegensatz zu unserer Wirklichkeit als erwachsene Töchter eines vielbeschäftigten Mannes hat sich die Wahrnehmung der anderen von uns verändert zu einem Bild, das sie sich anscheinend von Politikerfamilien gebastelt, dem wir aber nie entsprochen haben. Sogar Leute, die man schon lange kennt, glauben auf einmal, sämtliche Familienmitglieder lebten nun Wandlitz-artig beschützt von breitschultrigen Männern mit schwarzen Sonnenbrillen, der Dienstwagen meines Vaters stünde uns mit livriertem Chauffeur ständig zur Verfügung, wenn wir nicht gerade mit einer nur imaginär vorhandenen Flugbereitschaft unterwegs sind.

Beim Anmieten einer Wohnung wird man mit spöttisch hochgezogener Augenbraue gefragt, warum der Papa die denn nicht kauft. Meist sagen sie es nicht direkt, aber hintenrum erfahren wir doch, daß sie uns abschätzig als verwöhnte Bonzentöchter bezeichnen. Und selbst unsere Kindheit als Töchter eines eher mittelprächtig verdienenden Gewerkschafters, der seine Freizeit unentgeltlich auf Stadtvertretersitzungen verbrachte, wird verklärt zu einer rosa Höhere-Töchter-Welt. Berufliche Erfolge sind selbstverständlich meinen neuen Kontakten zu verdanken, Rückschläge unglaubhaft, bei den Beziehungen!

Wer auf einer größeren Veranstaltung nicht vor allen anderen begrüßt wurde, ist überzeugt, der Minister habe es "wohl nicht mehr nötig" oder "kenne einen auch nicht mehr". Gerne sonnt man sich in der Bekanntschaft eines Regierungsmitglieds, begegnet ihm aber gleichzeitig und anders als früher mit skeptischem Blick und falschem Lächeln, während man bei einer privaten Feier am Buffet mit ihm die Betriebsprüfung erörtert und selbstverständlich weitere Steuersenkungen fordert. Kein Gespräch ist mehr zu anderen Themen möglich, alles Private hat sich der Politik unterzuordnen.

Manchmal, wenn Schwester und ich mal wieder im strömenden Regen zwanzig Minuten auf den Bus warten, können wir sogar drüber lachen, aber so sehr wir unserem Vater die Erfüllung seiner beruflichen Wünsche gönnen und uns für ihn freuen, sind wir nicht nur um unseretwillen einigermaßen froh, wenn es irgendwann vorbei ist.