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»RT @KarlreMarks: There's an Egyptian player nicknamed 'kahraba' (electricity) because of his energy. There's also a Lebanese player with th?«

Ein Kessel Buntes

Alles hätte so schön sein können an diesem Fußballabend. Mit den anderen Balljungen und -mädchen wurde abgemacht, daß wir nichts abmachen, wir müssen nicht jeden Abend raus und der Sommer ist eh vorbei. Soweit die Ausreden.

Während ich aus der Dusche springe, höre ich eindeutige Spielgeräusche aus dem Fernseher. Haben die etwa schon angefangen? Ich hab keine Nationalhymne gehört. Achso.

Es kommt mir komisch vor, den kleinen Lahm zum Gegner zu haben, spielt er doch sonst auf der Seite der Guten – unserer eben. Podolski auf der Bank? Ist er verletzt? Ach nein, der beste Torjäger der Welt ist nur nicht gut genug für die Bayern, haha!

1:0! Ich hüpfe ein wenig herum und rufe in der Pause doch noch einmal die eigene Mannschaft an: Aufstehen, Nachtwanderung! Wir einigen uns darauf, auf jeden Fall rauszugehen, wenn Hamburg gewinnt. Trotz des verdammten Aberglaubens tausche ich den Lieblingsschlafanzug schonmal gegen eine Jeans und tusche mir die Wimpern, als ich höre, daß Podolski eingewechselt wird. Also doch raus aus der Ausgehkluft und wieder rein ins Bett, denn kaum die Decke über den Knien schießt der auch schon ein Tor!

Ja, ein Spiel hat neunzig Minuten, dieses 120 und Pauli verloren. Wir haben trotzdem Lust auf Fangesänge und ein Goldenes vorm Grill International.

Polizeifestspiele
Am Schulterblatt hatten die Spiele gerade erst begonnen. Manche nennen es Schanzenfest, andere den alljährlichen Truppenaufmarsch und Funktionstest des Hamburger Polizeiapparats: Neuneinhalb Hundertschaften, vier Wasserwerfer, ein Videoübertragungswagen, Megaphone und Straßensperren an jeder Ecke des Schulterblattes um die Flora einzukesseln – was ist das? Eine Übung? Ein Rechtfertigungsversuch der eigenen Existenz? Eine Provokation.

Ich mag die Autonomen nicht, ihre abgelesenen Parolen, ihr Sozialpädagogensprech und die bärtige Revoluzzer-Attitüde in Markenturnschuhen. Ich finde es dumm, ein Stadtteilfest nicht anzumelden, es ist eine alberne Idee, auf der Straße ein Feuerchen aus den nicht verkauften Flohmarktresten und Paletten zu machen und natürlich sind unter Tausenden Besuchern und knapp 20.000 St.-Pauli-Jüngern auch immer 12 dabei, die jung, besoffen oder einfach arschlochig genug sind, Polizisten von Häuserdächern mit Flaschen zu beschmeißen.

Aber sogenannte Ordnungshüter, die auf meine freundliche Frage, warum hier abgesperrt ist, antworten, weil hier abgesperrt ist, die mag ich mindestens genausowenig. Staunend werden wir Zeugen, wie jemand in einem Hinterhof von einer als Anti-Terror-Einheit verkleideten Truppe festgenommen wird. Wie sie den Rückzug sichern, das haben sie sicher mal in "24" gesehen. Zwischen all diesen Normalos mit ihrem Döner in der einen und dem Becks in der anderen Hand wirkt es nur grotesk. Trine vermutet, der Typ habe illegal mp3s runtergeladen. Alle lachen.

Wasserwerfer
Was mich aber am meisten ärgert neben diesem pompösen Aufmarsch und der Tatsache, als unbeteiligter Samstagabend-Ausgänger in das Visier eines Wasserwerfers zu geraten und mein unvermummtes Antlitz auf zahlreichen Bändern im Polizei-Archiv zu wissen, sind die Artikel der Springer-Presse, die einfach die Meldung der Polizei kopiert und offenbar keine eigenen Leute vor Ort hat. Dabei ist das Schanzenfest ein Datum, das man sich als Reporter bereits jetzt für das nächste Mal im Kalender notieren sollte.

Aber Jahr für Jahr ist von "Randalierern", "Chaoten", "Demonstranten", "brennenden Barrikaden" und der immer größeren Zahl an Festnahmen die Rede. Dabei sollte gerade die bürgerliche Presse ihre Arbeit machen und nach Kosten und Folgen fragen: Gegen wieviele der Festgenommenen wird wirklich ein Verfahren eröffnet, wer tatsächlich weswegen verurteilt, und sind solche monströsen Einsätze eigentlich verhältnismäßig und bürgernah? Wenigstens der taz-Artikel läßt auf Antworten hoffen.

Für das nächste Jahr bitte ich darum, daß die Polizei ihren Aufmarsch ordnungsgemäß anmeldet und den Weg zum Grill International freiläßt. Danke.