Mein Blog, mein Haus mein Viertel seit 2001

»RT @beimwort: Beyond ridiculous. https://t.co/Sztlf0nPmh«

Ich mag die Haltung vom Punk und den Style vom Jazz, ich mag die Bässe vom Reggae und die Beats vom Rap

Was Konzerte angeht, habe ich da irgendwie ein Timing-Problem: Die Karten kauft man Monate vorher und in dieser Zeit bringt jemand anderes ein Album heraus, so daß ich schon wieder auf einem ganz anderen Trip bin. So war es in diesem Jahr bei allen Shows:


Immer noch Fußballlieder im Ohr gehen wir im Juli zu

Robbie Williams auf die Trabrennbahn Bahrenfeld

Das Ticket habe ich von jemandem gekauft, der an diesem Abend lieber zum Campus-Festival nach Lüneburg gefahren ist, weil dort Blumentopf auftrat. Ich glaube, das war eine weise Entscheidung – von ihm.

Die Trabrennbahn ist eine gräßliche "Event-Location" ohne jede Atmosphäre, und noch dazu am Arsch der Welt. Ein riesiges, plattes und staubiges Feld mit 80.000 Menschen, die von den Leinwänden mit Sponsoren-Spots bedudelt werden. Wir essen irgendwas Glutamathaltiges und stellen fest, daß ein Jäckchen in mieser T-Shirt-Qualität 90 Euro kostet. Drei Stunden vor Showbeginn habe ich schon schlechte Laune.

Egal, ich hätte es mir nie verziehen, nicht dort gewesen zu sein; einmal im Leben muß man Gott gesehen haben – und ich habe ihn gesehen: Als hüpfenden Däumling am anderen Ende der "Arena". Da hatte ich Trine einiges voraus, die, selbst wenn sie sich zu ihrer ganzen beeindruckenden Länge reckte, nur einen Blick auf die riesigen Leinwände erhaschen konnte.

Aber es gibt nicht nur zu meckern: Die Leute waren trotz enormer Hausfrauendichte gut drauf, verkürzten die Wartezeit mit gemeinschaftlichen Gesängen von Fußballliedern und schier unendlichen Wellen, die dann doch noch sowas wie FanFest-Stimmung aufkommen ließen.

Die wirklich mitreißenden Mixe der Go Home Productions, die vorher gespielt wurden, sollten sich alle herunterladen, die auch keine Angels mehr sind.



Während ich in das neue Jan Delay-Album hineinrenne, stehen

Fettes Brot auf der Stadtparkbühne

Die Bewegungslegastheniker geben wie jedes Jahr eine Hamburg-Party auf der schönsten Bühne der Stadt. Ich mag, wie sie mit ihren Fans umgehen, mal unangekündigt ein Stadtteilfest rocken oder morgens um sieben den Hauptbahnhof; wie sie aus jeder Show ein Fest machen und keine Angst davor haben, über sich selbst zu lachen.

Eine absolut entspannte Party war das, in lauschiger Atmosphäre mit schmufen Leuten und wieder mehr Rap als im letzten Jahr, einer gefühlten 17-Sekunden-"Cover"-Version von Doch und einem neuen Mix des guten alten Nordisch by Nature. Wenn die so weitermachen, können sie bald eine ganze Show nur mit diesem Lied bestreiten. Und alle wollen es hören, immer wieder.



Noch total im Fettes-Brot-Rausch sind beim Reeperbahnfestival

Blumentopf in der Großen Freiheit

Es ist ja inzwischen fast peinlich, zu sagen, daß man deutschen HipHop hört, weswegen ich immer gleich hinzufüge: Die Intelligenzija.

An den Mottogebern von Elfengleich, oft als Abiturienten-HipHop geschmäht und für zu seicht befunden, zieht mich ja gerade die Abgrenzung zur Ghettoattitüde dessen an, was sich heute so Rap nennt und Millionen Platten an 12-jährige verkauft.
Ich bin MC, Physiker und Skater in einem.
Ich will keinen Echo -
ich will Papers im Science.
Auf der Musikmaschine fehlt leider, was ich am Topf immer soo mochte: Die melodiösen Loops, die zum Teil kaltem Elektro-Sound gewichen sind. Um es mit anderen zu sagen: Daß diese Musiker sich aber auch immer weiterentwickeln müssen! Geblieben sind zum Glück das Storytelling und die feine Selbstironie, für die kleine Hauptstadt-Gangster niemals lässig genug sein werden.
Fuck the system!
Wenigstens ein bißchen.


Gleich anschließend der beste und schnellste MC Deutschlands:

Dendemann in der Großen Freiheit

Jedes kleine d hat ein großes Ende, Mann. Deshalb lohnte das Warten auf das seit drei Jahren angekündigte Album Die Pfütze des Eisbergs. Auch wenn ich es musikalisch furchtbar finde, sind seine Reime immer noch unübertroffen, witzig, scharfsinnig und immer mit dieser leicht verpennten und so liebenswerten Kifferattitüde.
Ist es nicht so, daß Fortschritt leider nicht geht,
wenn jeder denkt, er hätt schon bessre Zeiten erlebt?
Ist es nicht so, es hat sich weiterbewegt,
genauso schön im Kreis wie sich die Scheibe hier dreht?
Ist es nicht so und schon immer so gewesen,
daß alles Auslegungssache ist, so wie Spesen?
Aber wer hört schon die schlechten Beats, wenn der Meister der Schüttelreime und Metaphern sie mit dieser Stimme raushaut, und Frauen weiche Knie macht? Übertrieben sexy.



Nun wieder ganz auf dem HipHop-Trip spielt funky

Jan Delay im Docks

Das neue Album gefällt mir zwar, kommt aber nicht an Searching for the Jan Soul Rebels heran. Was auch kaum möglich ist, denn es gehört zu den fünf besten Platten al-ler Zei-ten.

Eine fantastische Live-Band und Juan Delay im Anzug statt Baggy Pants machen das Funk-Album auf der Bühne zu einer echten Dance-Show. Und sie sind nicht allein: Er hat Denyo dabei und Udo Lindenberg zu Gast, was ich mir schon dachte. Aber die Überraschung war: Das Bo! Es lebt!

Zwischendurch viel altes Zeug auch von den Beginnerplatten, Füchse auf Funk, ein paar Reggae-Stücke und wieder: Diese merkwürdige Affinität Hamburger Rapper zu I like to move it.
Ich mag die Haltung vom Punk und den Style vom Jazz,
ich mag die Bässe vom Reggae und die Beats vom Rap.
Und ich mag Jan Delay und seinen Style, den man mit Haltung übersetzt. Ich mag es, daß er links ist, ohne dogmatisch zu sein, daß er nicht nur Rapper ist, sondern Musiker. Dieser Mann ist eine coole Sau.