Mein Blog, mein Haus mein Viertel seit 2001

»(Lasst Euch von meinem leisen Schluchzen nicht von der Arbeit abhalten.)«

Neues Fernsehen

Bei der Erweiterung und Pflege bestehender IT-Produkte kommt man irgendwann an den Punkt, an dem nur noch festgestellt werden kann, daß Abriss und Neubau einfacher und günstiger sind als das Doktorn an etwas, daß viel zu groß geworden, vielfach redundant, in Teilen irrelevant, kaputt und korrupt ist. Leider ist das bei vielen gewachsenen Systemen so und bei den meisten besteht dringender Handlungsbedarf. Zum Beispiel beim Fernsehen.

Wenn man ein neues gutes Fernsehen schaffen wollte, bedeutete dies also, das alte abzuschaffen. Hier mein Vorschlag für einen neuen Rundfunkstaatsvertrag, als dessen Grundlage mir der für den NDR definierte Programmauftrag dient, den ich als Leitziel voranstelle:

Neuer Rundfunkstaatsvertrag

[...] einen objektiven und umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und länderbezogene Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben. Sein Programm hat der Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Er hat Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten und ist berechtigt, sich an Filmförderungen zu beteiligen.
§1 Programm
Werbung, Gewinnspiele, Boulevard und Quoten sind verboten.

Die Sendezeit ist etwa nach dem Schlüssel 40:30:20:10 auf die Bereiche Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung aufzuteilen.

(a) 40% Information
Nachrichten, Hintergrundberichte und die Berichterstattung vor Ort werden künftig den größten Teil ausmachen. Das Korrespondenten- und Reporternetz wird weiter ausgebaut.

(b) 30% Bildung: Kultur und Natur
Fast acht Stunden am Tag Dokumentationen, Sendungen über Bücher, Filme, Theater, Kunst, Musik, Religion und Naturwissenschaften.

(d) 20% Beratung
Aus- und Weiterbildung, Gesundheit und Ernährung, Finanzen und vor allem Recht.
/
(d) 10% Unterhaltung
Lassen Sie diese Zahl auf sich wirken. Nur noch 2,4 Stunden Unterhaltung am Tag im Neuen Fernsehen, da will wirklich gut überlegt sein, wieviel dieser kostbaren Zeit an Thomas Gottschalk verschwenden werden soll.

§2 Sender
Im Radio und Fernsehen wird es jeweis nur noch ein öffentlich-rechtliches überregionales Vollprogramm geben: Das Neue Fernsehen (NF) und das Neue Radio (NR).

(a) Neues Fernsehen
ZDF, 3sat, Phoenix, arte und Kika entfallen, da sie durch die Qualität des NF als Feigenblätter überflüssig geworden sind. Die digitalen Sender, über die ich außer Rundfunkräte noch nie jemanden habe sprechen hören, entfallen vorerst ebenfalls. Es wird aber bis zu 25 regionale Fernsehsender geben, die dem gleichen Programmauftrag verpflichtet sind, allerdings mindestens fünfzig Prozent der Sendezeit auf regionale Themen verwenden müssen.



(b) Neues Radio
Alle 55(!) bisherigen Wellen entfallen. Neben dem Neuen Radio wird es analog zu den Fernsehsendern bis zu 25 regionale Radiosender geben.

Wenn sich NF und NR bewährt haben, kann man darüber nachdenken, auf den freigewordenen Frequenzen Spartensender einzurichten oder Thementage mit dem vorhandenen Material zu veranstalten. (Das Wort veranstalten entfällt übrigens auch.)

(c) Internet
Sämtliche Sendungen sind live im Internet zu sehen und werden in Mediatheken jedem jederzeit und für immer zugänglich gemacht. Kompetente journalistische Sendungsbegleitung im Web ist nicht nur selbstverständlich, sondern auch selbstverständlich ohne Drei-Stufen-Test.

§3 Finanzierung
Das Budget ist ebenfalls nach dem Schlüssel 40:30:20:10 auf die Bereiche Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung aufzuteilen.

Das Budget kommt aus der Staatskasse, beträgt großzügige 5 Mrd. Euro und und wird jährlich an die Preisentwicklung angepaßt. Bürokratische Monster wie die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten und ihre große Schwester, die beliebte Gebühreneinzugszentrale, entfallen ersatzlos, weil überflüssig.

§4 Struktur
Alle öffentlich-rechtlichen Sender haben Zugriff auf das Korrespondentennetz und sämtliche Sendungen der anderen Programme. Regional- und Vollprogramme werden aber unabhängig voneinander erstellt, d.h. die von der Programmdirektion geleitete Programmkonferenz mit haupt- und nebenamtlichen Programmkoordinatoren und Programmbeirat ebenso wie die über 600 Rundfunk- und Fernsehräte, sowie alle anderen proporzdemokratischen, pseudoföderalen Gremien können daher entfallen.

Stattdessen wird es in jedem der 299 Bundestagswahlkreise einen Rundfunk-Abgeordneten geben, der vor Ort, in Weblogs und Diskussionssendungen den Kontakt mit dem Zuschauer sucht. Diese Mittler zwischen Zuschauer und Medium bestimmen die Programmstruktur im Rahmen dieses Rundfunkstaatsvertrages.